Westfalen-Blatt 27.06.2026
Serie zum 25-jährigen Jubiläum des Steinhagener Gymnasiums
Was aus Schülerinnen und Schülern geworden ist

STEINHAGEN (WB). 1444 Schülerinnen und Schüler haben am Steinhagener Gymnasium seit seiner Gründung Abitur gemacht. Die ersten 2010. Was ist aus ihnen geworden? Mit vier von ihnen aus unterschiedlichen Jahrgängen hat das WESTFALEN-BLATT gesprochen.
In der „First Class“
Leonie Ellen, geb. Stockhecke, gehörte zum ersten Jahrgang, zu denen also, die alles zum ersten Mal machen mussten – oder machen durften. Die Vorreiterrolle hat die heute 35-Jährige nicht belastend, sondern positiv empfunden. „Es war sehr familiär. Alles war immer neu. Und wir durften sogar über das Mobiliar mitentscheiden“, erinnert sie sich, zum Beispiel Stühle für die Klassenräume mit ausgesucht zu haben.
Das Abi-Motto lag da auf der Hand: „Die First Class hebt ab“. Nach dem Abi reiste Leonie Stockhecke mit ihrer Freundin über das „Work&Travel“-Programm nach Australien. In Münster studierte sie Deutsch und Musik auf Lehramt, absolvierte ihr Referendariat in Niedersachsen, in Gronau, und bekam dann eine Stelle an einer Gesamtschule in Lingen. Heute lebt sie mit Mann und zwei kleinen Kindern (zwei und vier Jahre alt) in Hoogstede in der Grafschaft Bentheim und ist Lehrerin an einem kleinen Gymnasium im Nachbarort.
Das Steinhagener Gymnasium hat sie geprägt. Nicht nur, weil die Schule überhaupt erst einmal gebaut werden musste. Die ersten Jahre lebten die Klassen im Container bzw. mit einer Baustellenwand mitten durch die Eingangshalle. Sondern auch inhaltlich musste sie mit Leben gefüllt werden. Leonie Stockhecke hatte zwar nicht die Chance, eine Musikklasse zu besuchen – die wurden erst später etabliert. Aber sie hatte Musik-Leistungskurs und ist nachhaltig beeinflusst vom Unterricht von Stefan Binder, aber auch von dem großen musikalischen Angebot, das das SteinGy mit Ensembles, Chören, Bands entwickelte.
„Gerade der musikalische Bereich ist beeindruckend und für mich immer noch Vorbild“, sagt sie. „So etwas wie Musikklassen und Musical-Aufführungen möchte ich auch gerne an meiner Schule etablieren. Aber wir sind ein kleines Dorfgymnasium“, sieht sie zwar die Vorteile durch kleine Klassen und eine familiäre Atmosphäre, aber auch Grenzen in der Vielfältigkeit von Angeboten. Das ist anders am SteinGy mit der großen Schülerzahl.
„Wenn ich näher an Steinhagen wohnen würde, dann würde ich auch als Ehemalige etwa bei den Swingkids mitmachen“, sagt sie. Den Zusammenhalt, die Identifizierung der Schülerinnen und Schüler mit dem SteinGy findet sie nach wie vor herausragend – und prägend fürs Leben, absolut positiv für die Selbstbestimmung und das Selbstverständnis.

Vom Schüler zum Lehrer
Yannik Peperkorn ist 2003 am SteinGy eingeschult worden, hat 2012 Abitur gemacht – und ist seit 2022 wieder da. Als Lehrer. Und mit Doktortitel. „Damals war Schule ganz anders“, erinnert er sich an seine Schülerzeit. Damals stand nicht nur die Baustellenwand in der noch unfertigen Schule, sondern der Schultag hatte auch höchstens sechs Unterrichtsstunden, die Mittagspause und nachmittags AGs, in denen Yannik Peperkorn Handball spielte und bei Lehrerin Bettina Winkelbach der „Natur auf der Spur“ war. Schule habe er als einen Ort zum Wohlfühlen empfunden, sagt er.
Sport und Naturwissenschaften – seine Ambitionen, die auch seine Lehrer offenbar förderten. Mehr noch: Bei Sonja Klose in Chemie beispielsweise lernte er, seinen Klassenkameraden Anleitung und Begleitung zu geben. „Da habe ich gemerkt, dass es mir liegt, anderen zu helfen, etwas beizubringen und zu vermitteln“, sagt der 33-Jährige.
Yannik Peperkorn hat in Bielefeld Sport und Chemie studiert und den Kontakt zu seiner alten Schule nicht abreißen lassen. Er kehrte bereits als Student zurück zu Sportprojekten, er hat für seine Promotion seine Forschung am SteinGy in der Praxis erproben können. Und es gab mit Stefan Binder nicht nur einen Schulleiter, der an dem angehenden jungen Lehrer interessiert war für seine Schule, sondern auch die Fügung, dass es eine Vorgriffstelle für das Fach Chemie gab. So kam Dr. Yannik Peperkorn nicht nur als Referendar zurück, sondern ist seit 2023 Lehrkraft an seiner alten Schule.
Das ist ein Rollenwechsel, in den er sich inzwischen hineingewachsen fühlt: „Natürlich tauscht man sich über die alten Geschichten manchmal noch aus“, denkt er an Gespräche im Kollegium. Dass er die Schule quasi von Kindesbeinen an kennt, empfindet er als Vorteil. So arbeitet er auch in diversen Gremien mit, um Schule voranzubringen. In der Steuerungsgruppe „Unterrichtsentwicklung“ ebenso wie in der Fachschaft Sport.

Vom Bobbycar zum Rennwagen
Roshaan Hayat, der 2019 Abitur am Steinhagener Gymnasium gemacht hat, entwickelt derweil bei der Porsche Engineering Services GmbH in Bietigheim-Bissingen Mobilität von morgen. Denn dort absolviert der 25-Jährige ein Praktikum. „Porsche ist für jeden, der rennsportbegeistert ist, ein Träumchen“, sagt Roshaan Hayat. Und Motorsport und E-Mobilität interessieren ihn. Eine solche Stelle bekommt natürlich nicht jeder. Und dass Roshaan Hayat sie bekommen hat, das lag vor allem, wie er berichtet, mit daran, dass er an der Uni Paderborn während seines Studiums im Racingteam seiner Hochschule schon mit an den Boliden für die Formular Student gearbeitet hat.
Doch begonnen hat alles im SteinGy – mit Bobbycars. „Ich habe rein positive Erinnerungen an meine Schulzeit, weil ich sehr viel in der Schule gemacht habe“, sagt er. Das war Musik zum einen (Schlagzeuger in der Juniorbigband und bei den „Swingkids“). Das war soziales Engagement im Buenavista-Club.
Das war aber vor allem auch das Engagement in den MINT-Projekten wie „Jugend forscht“ und dem Bobbycar-Solarcup, der dem Team vom SteinGy nicht nur stets große Erfolge bescherte, sondern auch Entdeckergeist weckte. „Einmal haben wir eine Kondensatorbatterie eingebaut und waren damit super im Rennen“, sagt Roshaan Hayat und spricht sogar von Innovationsführer. Danach seien aber Regeln für den Antrieb eingeführt worden.
Indes: Lehrer Wolfgang Schulte hat seinen Schülern viel Freiraum gelassen, erinnert sich Roshaan Hayat. „Er hat mir Vertrauen gegeben und meine Selbstständigkeit gefördert“, sagt der Sohn eines Chemikers, der sich aber weniger für die Chemie, als vielmehr für Mechanik und Ingenieurwesen interessierte und nun bei Porsche richtig gefordert worden ist.
Der Steinhagener steht kurz vor dem Abschluss seines Masterstudiums und hofft, aus dem Praktikum bei Porsche Perspektiven für seine Masterarbeit entwickeln zu können. „Immer mal was ausprobieren“, hatte sich der 25-Jährige schon als Schüler auf die Fahnen geschrieben. Er weiß: „Man muss sehr vielfältig unterwegs sein“, sagt er und bekennt auch, in Richtung Raumfahrt interessiert zu sein.

Schülersprecher geht in die Politik
Malte Elgeti hat 2021 Abitur am Steinhagener Gymnasium gemacht – mitten in der Coronazeit. Er gehörte zu dem Jahrgang, der auch in Abi-Vorbereitung überwiegend im Homeschooling erledigen musste, der kein Abi-Partys und keine glanzvolle Verabschiedung in der Aula feiern durfte. Dennoch sagt er: „Ich bin sehr glücklich, dass ich auf dieser Schule war, die digital gut ausgestattet war. Auch der Zusammenhalt in unserem Jahrgang war gut, auch in der Coronazeit. Obwohl wir uns durch das Homeschooling nicht sehen konnten, haben wir uns zum Beispiel vor der Physik-LK-Klausur alle zusammengeschaltet und letzte Fragen geklärt.“
Der Zusammenhalt ist ein Punkt, den der heute 23-Jährige als herausragend und prägend nennt. Den habe die Schule von Anfang an vermittelt. „Ich habe mich immer gefreut, die 100 Leute aus meinem Jahrgang zu sehen“, sagt er.
Malte Elgeti, einer der SteinGy-Schüler aus Quelle, hat sich stark engagiert für seine Schule, zum Beispiel in der SV und in Projektarbeit. Er war als Neuntklässler Klassenpate für die neuen Fünftklässler, Stufensprecher, mehrere Jahre lang Schülersprecher, und er hat das „Klimajahr“ 2021 mit Projekten und Lerninhalten mit entwickelt und am SteinGy etabliert. Das sei ein Akt der Selbstständigkeit und der politischen Betätigung gewesen
Nach dem Abi hat Malte Elgeti zunächst Freiwilligenarbeit geleistet, hat etwa in EU-geförderten Projekten in Dörfern in Spanien und Rumänien als Englischlehrer Kinder unterrichtet und bei der NGO „Digitalcourage“ in Bielefeld ein Praktikum gemacht. Seit 2022 studiert er Jura an der Uni Bielefeld und ist in seiner Heimatstadt auch politisch aktiv.
Bei der Kommunalwahl 2025 hat er sich für die SPD in Quelle aufstellen lassen und ist im Rat der Stadt Bielefeld für Quelle und in der Bezirksvertretung Brackwede. Was ihn für die politische Arbeit motiviert ist, kommt auch aus seiner Zeit am SteinGy: „Dass es möglich ist, in bestehenden Systemen Veränderungen herbeizuführen, das ist etwas, das hier an der Schule gewachsen ist“, sagt er.
Überhaupt sind es zwei Dinge, die er aus der Schulzeit als prägend für sein Leben nennt: „Der Gerechtigkeitsgedanke, dass jeder gibt, was er geben kann und dass jedem geholfen wird, wie ihm geholfen werden sollte – der kommt auch vom Steinhagener Gymnasium.“ Die Schule habe ihm eine gute Basis gegeben, sich sicher zu fühlen, selbstbewusst sein Leben zu gestalten.
