Westfalen-Blatt 19.09.2026
Am Steinhagener Gymnasium gibt es seit einem Jahr die „Steinzeit“
Was die Schülerzeitung zu sagen hat

von Annemarie Bluhm-Weinhold
STEINHAGEN (WB). Die SV, die Schülervertretung, sie ist die klassische Interessensvertretung. Aber welche Mitwirkungs- und Partizipationsformen für die Schülerinnen und Schüler gibt es in der Demokratie einer Schule noch? Am Steinhagener Gymnasium neuerdings sogar eine Schülerzeitung.
„Steinzeit“ heißt sie. Schülerin Hanna Kausen hat den Vorschlag gemacht, der demokratisch abgestimmt und mit großer Mehrheit angenommen worden ist. „Die Schülerzeitung von meinem Vater hieß schon so“, verrät sie. Das WESTFALEN-BLATT darf an einer Redaktionssitzung teilnehmen. Die Schülerinnen und Schüler aus der Mittelstufe und Oberstufe wollen einiges wissen aus dem Redaktionsalltag einer Tageszeitung.
Aber es geht nicht nur um journalistische Arbeitsweisen und die Bedeutung der Zeitung für seriöse Information und Demokratiebildung vor Ort. In der Aktionswoche „Demokratie braucht viele Stimmen“ sollen sie auch selbst erzählen, wie sie die Stimme ihrer Schule sein wollen und sein können: Welche Themen stehen bei Euch im Blatt? Wie wirken Eure Mitschülerinnen und Mitschüler mit? Und was tragt Ihr zur Meinungsbildung an Eurer Schule bei?
Vom Wutköder bis Handy-Verbot
Die „Steinzeit“ gibt es keineswegs schon ewig. Sie ist eine recht junge Erscheinung am Steinhagener Gymnasium und aus einem Workshop zum „Tag der Vielfalt“ im Juni 2025 entstanden. Die erste Ausgabe erschien gedruckt, die nächsten digital. Sie werden über den Schulserver iServ vertrieben. Vier Mal pro Jahr soll die „Steinzeit“ in Zukunft erscheinen. Das nächste Mal am 9. November, wie Lehrer Jan Breuer, der am Gymnasium für Demokratiebildung zuständig ist und die Schülerzeitung betreut, ankündigt.
Bis dahin müssen noch Themen entwickelt, Texte geschrieben und gegengelesen werden. Und etwas bekannter in der Schülerschaft wollen sie auch noch werden. Gerade überlegen sie, wie sie wirkungsvoll die Werbetrommel rühren können.
Oberstufenschülerin Leonie Scheermann bezeichnet die Schülerzeitung als ein „großes demokratisches Mittel für die Schülerinnen und Schüler, um ihre Meinung zu verbreiten“. Alle könnten zur Redaktion kommen und ihre Meinung sagen. So hat es zum Beispiel schon ein Lehrer-Ranking gegeben. Auch aus der Diskussion im Unterricht ergeben sich Themen, die dann in der Zeitung aufgenommen werden, weil sie einen weiterbeschäftigen.
Ein solches Thema war für Leonie Scheermann der „Wutköder“, das Ragebating auf Social-Media-Plattformen. Das sind Online-Inhalte, die gezielt eingesetzt werden, um Wut oder Empörung zu verursachen und die User zu mehr Interaktionen zu veranlassen. Karolina Beese hat auch dem Deutschunterricht die Diskussion um das Social-Media-Verbot mit Klassenkameraden vertieft und darüber geschrieben.
Themenfindung bei eigenen Interessen
Mitschülerin Frieda Braksiek hat ebenfalls einen Kommentar geschrieben zu einem Thema, das die Schülerschaft schon länger beschäftigt: Handy-Nutzung im Oberstufenraum. Eigentlich gibt es ein Handy-Verbot an der Schule. Aber im Oberstufenraum während der Pause oder Freistunden finden es viele Schülerinnen und Schüler überflüssig und unterlaufen die Regelung. Frieda Braksiek nahm das auf: „Man stört dort ja niemanden. Und die Regel funktioniert auch nicht mehr richtig.“
Kann die Schülerzeitung da noch mehr Wirkung erzeugen? Vielleicht sollte man das Thema mal in die SV und mit einem Antrag auf Abschaffung in die Schulkonferenz geben, überlegt das Readaktionsteam.
Es sind vielfach die eigenen Interesse, über die die Redaktionsmitglieder schreiben. Bei Luca Tessmann zum Beispiel war es das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring, das ihn dazu veranlasst hat, die Teamchefs anzuschreiben und nach ihren emotionalsten Momenten zu fragen. Und sie haben ihm geantwortet, so dass ein etwas anderer Rennbericht in der Schülerzeitung Einzug hielt. Im vergangenen Jahr vor der Kommunalwahl hat er auch Bürgermeisterkandidatin Sarah Süß interviewt.
Runa Marlene Sieweke berichtet von ihrer Recherche für einen Beitrag zum Schuljubiläum. Dazu hat sie nicht nur ihre Klassenlehrerin Brigitte Pfitzner, die zu den ersten Lehrkräften der Schule gehörte, interviewt, sondern auch Schulleiter Stefan Binder Fragen gestellt. Und als ihr die Informationen noch nicht reichten: „Da habe ich auch in der Nachbarschaft herumgefragt und ein paar Kommentare von außen zu unserer Schule bekommen“, berichtet sie.
Ein Ansatz, den Jan Breuer richtig gut findet. Er bestärkt die Redaktion, auch Meinungen von außerhalb der Schule einzufangen. Ein großes Projekt könnte ihnen dazu noch Anlass geben. Denn die „Steinzeit“-Redaktion will sich am Wettbewerb um den Martin-Gauger-Preis beteiligen.
Dieser Schülerwettbewerb wird vom Bund der Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte in Nordrhein-Westfalen (DRB NRW) ausgeschrieben und ist benannt nach dem Juristen, bekennenden Christen und politischen Kritiker des NS-Regimes Dr. Martin Gauger. Beim diesjährigen Thema „Mut statt Macht – Mitreden statt Mitlaufen – Warum Demokratie leise Held/innen braucht!“ geht es darum, was Demokratie 2026 bedeutet – in Zeiten, in denen Populismus, autoritäre Führungsstile und Demokratiefeindlichkeit zunehmen.
Wie setzt man dieses Thema in journalistische Beiträge um? „Wir sollten über die Schule hinausdenken in die Jugendpolitik“, schlägt Jan Breuer vor. Im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT entstehen erste Ideen – etwa zu Mitwirkungsmöglichkeiten von Jugendlichen in der Gemeinde. Trotz mehrfacher Anläufe gibt es bis heute keinen Jugendbeirat. Warum eigentlich nicht? Die Schülerzeitungs-Redaktion will da mal nachhaken.