Westfalen-Blatt,06.11.2015

 

1000 Fahrradständer für Steinhagen


Viele greifbare Ergebnisse: Klimakonferenz in Woerden ein Erfolg – der nächste Gipfel ist schon in Planung


wb061115aVon der Stadt haben sie nicht viel gesehen, dafüt intensiv gearbeitet in der ländlichen Abgeschiedenheit des Innovationszentrums Veenweiden im Woerdener Stadtteil Zegveld: 35 Steinhagener Gäste und 25 Woerden haben auf dem ehemaligen Bauernhof ihre Klimakonferenz veranstaltet. Fotos: Bluhm-Weinhold

 

»Was können wir voneinander lernen? Was nehmen wir mit nach Hause — und was nicht?« Das war die zentrale Frage bei der Klima-konferenz der Partnerstädte am Mittwoch in Woerden.


35 Gäste aus Steinhagen und 25 Teilnehmer aus Woerden haben sich, wie gestern berichtet, einen Tag lang im Innovationszentrum Veenweiden im Orteil Zegveld darüber Gedanken gemacht. Und festzuhalten ist auf jeden Fall: Die-se neue ausschließlich fachliche Form der Gemeinderatstreffen ist ein voller Erfolg und profitabel für beide Seiten.


In sechs Themenbereiche hatten die Organisatoren, Mitglieder des Bürgerkomitees und Fachleute, den Klimagipfel unterteilt. Die Ergebnisse in Kürze.


wb061115cSteinhagens Klimaschutzmanagerin Marianne Vaske (rechts im Bild mit Grünen-Ratsfrau Christiane Manthey) hatte auf Steinhagener Seite den Gipfel mit vorbereitet. Wohnen und Sanieren war ihr Thema.

 

Biogasgewinnung
8000 Biogasanlagen gibt es in Deutschland, aber nur 120 in den Niederlanden. Allein in Steinhagen werden zwei große Anlagen betrieben, eine von dem ebenfalls mitgereisten Vennorter Landwirt Jörg Düfelsiek. Eine dritte kleinere ist im Bau auf dem Hof Potthof auf dem Ströhen. Dass es im Nachbarland nicht mehr Anlagen sind, liegt offenbar an der fehlenden Förderung der Millionen-Investition: Ein Pendant zum deutschen Erneuerbare Energiengesetz (EEG), das Abnahme und Vergütung der Strommengen sicherstellt, gibt es nicht - ebenso wenig wie lokale Energieversorger, die alternativ fördern könnten. Henning Korte, Klimaschutzmanager des Kreises Gütersloh, empfahl die Gründung einer Bürgergenossenschaft zur, Finanzierung.


Abfall
71 Prozent des Abfalls wird in Steinhagen derzeit verwertet, 65 Prozent sollen es in Woerden erst noch werden. Woerden wird 2017 das so genannte Behälteridentsystem einführen, das Steinhagen bereits seit zehn Jahren hat. »Die Bürger selbst haben es sich aus drei Modellen ausgesucht«, lobte Steinhagens Abfallberaterin Anke Ulonska diese unmittelbare Beteiligung. Sie selbst nimmt als Anregung den Unterflurcontainer mit ein unterirdischer Sammelbehälter in Mehrfamilienhäusern, der per Chip betätigt wird und zur Mülltrennung in der Lage ist. In Woerden funktioniert das gut.


Schule und Erziehung
Drei Schüler des Steinhagener Gymnasiums, Momme Hengsten-berg, Thore Leidecker und Joshua Wagner, und ihr Physiklehrer Andreas Frerkes berichteten über Unterrichtsprojekte, Umweltshop und die Photovoltaik-Anlage (PV) auf dem Dach der Schule. Diese bringt ihnen jährlich 7000 bis 10 000 Euro an Gewinn ein - Geld, das der Förderverein wieder in Schulprojekte, auch soziale, steckt. Eine Forschungsstation ist in Planung, um Wetterdaten zu sammeln. Auch für das Forschungsprojekt der drei und ihres Mitschülers Bastian Redecker zur Leistungssteigerung von PV-Modulen.


Doch Umweltschutz fängt im Alltäglichen an und ist manchmal ganz schön mühsam: »Wir müssen ein Bewusstsein für Mülltrennung und Energiesparen entwickeln«, sagte Momme Hengstenberg.
Woerden erhebt den Müll zur Kunst: Schüler sammeln und säubern Trinkpäckchen, untersuchen im Unterricht die unterschiedlichen Kunststoffe und gestalten mit der Künstlerin Judith Zwaan ein Objekt. Andreas Frerkes war begeistert von dieser Kreativität und von der Idee der Bücherkisten, mit denen Klassen an einem bestimmten Thema arbeiten können.


Fahrradstadt Woerden
Von dem Radwegenetz - auch dem überregionalen - und der Menge an Fahrradständern überall in der Stadt kann Steinhagen nur träumen. Doch Kurt Gramlich, bei der Volkshochschule zuständig für die Klima-Thematik, lobt als Ziel die Schaffung von 1000 Fahrradständern in Steinhagen aus. An Woerden gefällt ihm gut, dass Fahrradfahrern grundsätzlich Vorrang gewährt wird und Fahrradwege bei Verkehrsplanungen immer zuerst berücksichtigt werden. Er wünscht sich den Besuch der Woerdener Experten Mike Bouwman und Andre de Boer zu einer Fachtagung in Steinhagen.


Bauen und Sanieren
Die Partnerstädte sind auf ähnlichem Stand. Doch Steinhagens Klimaschutzmanagerin Marianne Vaske lobt nicht nur die noch besseren Standards in Woerden, die es sogar erlauben, eine klimaneutrale Schule zu bauen, sondern auch das große Netzwerk von Experten, die ehrenamtlich Beratung anbieten, sowie die »ganzheitliche Gebietsentwicklung«: »In Woerden fragt man bei der Planung neuer Siedlungen auch nach deren sozialer Vitalität.«


Klimaschutzkonzept
Woerden hat sich, wie berichtet, das sportliche Ziel gesteckt, 2030 klimaneutral zu sein. Steinhagen ist der Partnerstadt weit voraus, will aber erst 2050 soweit sein. Und nach Ansicht von Umweltmanagerin Gabriele Siepen wird es das auch. 85 Maßnahmen sind entwickelt, das Steinhagener Umweltbüro ist personell gut ausgestattet. Nächste Schritte: die Energieeffizienz der Gemeindegebäude weiter optimieren, auch mit Baumaßnahmen, und die Energieeffizienz im Gewerbe weiter fördern. Demnächst soll auch jeder Bürger online sehen können, wie viel Energie ein bestimmtes Gemeindegebäude zu einem bestimmten Zeitpunkt verbraucht: »Jeder kann sich dann also die Frage beantworten, ob im Rathaus noch Licht brennt.


wb061115bWer den auf Moorboden gebauten Hof erkunden will, sollte das Schuhwerk schützen: die Schüler Thore Leidecker (li.) und Joshua Wagner beim Rundgang

 

Auf Moorboden
Dass Woerden ein besonderes Interesse am Klimaschutz haben müsste, wurde den Gästen bei einem Rundgang über die zum In-novationszentrum gehörende Hof-anlage deutlich. Die Partnerstadt liegt unterhalb des Meeresspiegels und steht auf weichem Moorboden -was passiert also, wenn die Weltmeere weiter steigen?


Inklusion
Im nächsten Jahr kommen die Woerdener nach Steinhagen. Bürgermeister Klaus Besser schlug schon jetzt das Thema vor: Inklusion in Schule und Arbeitswelt.


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