Auszeichnung fürs Gymnasium: Die Bezirksregierung hat dem SteinGy offiziell die Plakette »Schule im NRW-Talentscouting« verliehen. Sie ist damit eine von 54 Schulen in Ostwestfalen-Lippe. Doch was bedeutet Talentscouting eigentlich? Haller Kreisblatt, 21.12.2018.

2018 1221TalentscoutingHKArbeiten eng zusammen: Der Talentscout Anne Bühner (links) und die Studien- und Berufsorientierungslehrerin Sonja Klose sind am Steinhagener Gymnasium für Schüler da, die das Talent fürs Studium haben, aber ein wenig Unterstützung auf dem Weg dahin brauchen. FOTO: Sonja Faulhaber

Bastian liebt Physik, Star-Wars-Filme und Dokumentationen über die Raumfahrt. Dass der Steinhagener Abitur macht, stand für ihn schon lange fest. Doch was dann? Ausbildung oder Studium? Seine Eltern konnten ihm da nur wenig helfen, denn sie haben beide nicht studiert. Wie also sollten sie Fragen zu Themen wie Studienmöglichkeiten und Immatrikulation beantworten können. Und passt das überhaupt– ein Schüler mit durchschnittlichen Noten, der studiert? Ist das nicht mehr was für Akademiker-Kinder mit Einser-Schnitt?

Antworten auf all seine Fragen und jede Menge Unterstützung bekam Bastian bei Anne Bühner. Die Diplom-Pädagogin ist Talentscout und arbeitet unter anderem eng mit dem Steinhagener Gymnasium zusammen. Einmal im Monat ist sie an der Schule, um mit ausgewählten Oberstufenschülern zu sprechen und sie zu unterstützen. Dabei geht es darum, berufliche Interessen und Ziele zu entdecken und weiter zu entwickeln. Aber das Talentscouting am Gymnasium ist keineswegs ein Angebot für unmotivierte oder orientierungslose Schüler, sondern vielmehr für jene, in denen viel Potenzial steckt, das noch nicht ausreichend gefördert werden kann. „Ich öffne den Schülern Türen, aber ich trage sie nicht hindurch“, bringt Anne Bühner ihre Arbeit auf den Punkt, denn die Schüler müssen Eigeninitiative und einen festen Willen zum Erfolg mitbringen.

Die Gespräche mit Anne Bühner verlaufen dabei von Schüler zu Schüler sehr unterschiedlich. Während der eine nur einen Anstoß in die richtige Richtung braucht und dann erst einmal alleine weiter nach einem Studienplatz sucht, braucht der andere regelmäßige Unterstützung. Das kann so weit gehen, dass der Talentscout die Schüler über die Immatrikulation hinaus durch die ersten Studienjahre begleitet und bei Problemen Tipps gibt. „Per WhatsApp und Mail geht das schnell und unkompliziert“, erläutert Bühner.

Doch nicht jeder Schüler bekommt Unterstützung von Anne Bühner. Die Leistungskurs-Lehrer des Gymnasiums haben gemeinsam mit der Studien- und Berufsorientierungslehrerin Sonja Klose ein Auge darauf, wer die richtigen Voraussetzungen für ein Studium mitbringt und noch Unterstützung braucht. Oft stärken die Eltern ihren Kindern zwar mental den Rücken, können ihnen aber praktisch nicht helfen, denn sie selbst haben nicht studiert oder haben einen Migrationshintergrund. Auch Kinder aus finanziell schwächeren Familien brauchen oft jemanden, der sie ein Stück weit auf ihrem Weg begleitet, weiß Bühner.

Am Steinhagener Gymnasium betreut die Bielefelderin seit Beginn des Projektes vor eineinhalb Jahren über 20 Schüler. Das klingt erstmal nicht nach vielen, doch das Projekt Talentscouting ist auch nicht auf Quantität, sondern auf Qualität ausgelegt. Und dabei steht das persönliche Gespräch im Mittelpunkt. „Ich muss mein Gegenüber erst einmal kennenlernen, um herauszufinden, welcher Weg der richtige sein könnte“, so Bühner. Dann wird gemeinsam überlegt, welche Schritte Sinn machen. „Wir arbeiten da ganz ergebnisoffen und individuell“, so Bühner. Wenn am Ende des Findungsprozesses erst ein Jahr Work & Travel oder eine Ausbildung stehen, ist das auch ein gutes Ergebnis.

Anne Bühner sieht den Schüler als Ganzes, nicht nur die Noten auf dem Zeugnis. „Das ist nicht nur wichtig, um den richtigen Studienplatz zu finden, sondern auch, um vielleicht finanzielle Unterstützung in Form eines Stipendiums zu bekommen.“ Sie sieht die Leistung eines Schülers im Kontext. „Wenn jemand neben der Schule noch jobbt, um die Familie zu unterstützen, oder die Finanzen zuhause managt, weil die Eltern überfordert sind, dann ist da doch viel Potenzial, um selbstständig ein Studium zu schaffen“, weist die Fachfrau darauf hin, dass Noten allein manchmal wenig aussagen. „Ich will da auch Schülern Mut machen.“

Bastian ist einer der Fälle, bei dem das Talentscouting ein voller Erfolg war. Der Gymnasiast hat sich für ein Maschinenbau-Studium an der Fachhochschule Bielefeld entschieden. Später will er sich auf Raumfahrttechnik spezialisieren. Sein Fazit zur Unterstützung durch Talentscout Anne Bühner: „Bei ihr konnte ich über meine Wünsche reden und ein professionelles Feedback bekommen. Ich fühle mich jetzt sicherer.“

Er habe zwar immer noch Respekt vor dem Studium, weiß aber jetzt, dass er sich an das selbstständige Arbeiten gewöhnen wird und auch den Hochschulalltag bewältigen kann. „Jetzt bin ich mir sicher, dass ich das machen werde, was mich am meisten interessiert. Denn darin bin ich am besten.“