Westfalen-Blatt,12.07.2014

Wirtschaftskrimi wird zum Roman


Zwei Gymnasiastinnen arbeiten den Fall Balsam für Schulprojekt auf


wb12071420 Jahre ist es her, dass die Bilanzmanipulationen und Luftgeschäfte der Steinhagener Balsam AG aufflogen. Ein beispielloser Betrugsskandal, den jetzt zwei Schülerinnen des Steinhagener Gymnasiums, Miriam Jucho und Marina Müller (beide 18), für eine Arbeit im Projektkurs Geschichte aufgegriffen haben.


Am 10. Juni 1994 hat der Notvorstand der Balsam AG Konkurs angemeldet - in den folgenden Monaten und Jahren wurde das ganze Ausmaß, das ungeheure Geflecht der Betrügereien öffentlich. Der (tiefe) Fall der Balsam AG hat offenbar nichts von seiner Faszination verloren. Spektakulär waren die Enthüllungen und Begleitumstände, hoch die Haftstrafen für die Hauptbeteiligten, und weitere Firmen, Banken, ein Landesjustizminister und die Justiz selbst wurden mit hineingezogen. »Es ist ein Wirtschaftskrimi, an den sich meine Eltern gut erinnern können«, sagt Miriam Jucho.

 

Fiktiver Rahmen
Als es im vergangenen Schuljahr im Projektkurs Geschichte der Q 1 bei Josef Scheele-von Alven darum ging, zum Thema »Steinhagen nach 1945« zu arbeiten, da entschloss sie sich mit ihrer Freundin Marina Müller, den Fall Balsam aufzurollen. Herausgekommen ist ein Kurzroman, der die Fakten einbettet in eine fiktive Erzählung.

 

Wie ist es möglich, aus kleinen Summen große zu machen und Geschäfte einfach zu erfinden? Diese Frage haben sich die beiden Elftklässlerinnen gestellt und lassen sie von Klaus Schlienkamp, oder besser: seinem fiktiven Alter Ego, beantworten. Denn den ehe-maligen Finanzchef, den Finanz-jongleur, der Balsam AG lassen sie sprechen: An einer Bar auf den Philippinen erzählt er dem ahnungslosen Thekengast Richard seine Geschichte.

 

Die Begegnung ist frei erfunden. »Wir haben aber bei unserer Recherche von einer dokumentierten Persönlichkeitsstörung Klaus Schlienkamps gelesen, der gerne im Mittelpunkt gestanden haben und süchtig nach Anerkennung gewesen sein soll«, sagt Miriam Jucho. »Deshalb haben wir die Erzählung erfunden, die zu einem Zeitpunkt stattgefunden haben könnte, als er aus der Haft entlassen war und das Land wieder verlassen durfte. Das wäre etwa 2007, 2008 gewesen.«

 

Fakten aufgearbeitet
Für ihre Geschichte haben die beiden jede Menge Medienberichte ausgewertet, unter anderem aus dem WESTFALEN-BLATT, und haben mit Zeitzeugen gesprochen. »Wenn man den Namen Balsam eingibt, spuckt das Internet jede Menge aus«, sagt Marina Müller, die als Lektorin fungierte und die Arbeit der beiden für den Projektkurs auch dokumentiert hat. Miriam Jucho ist die Schreiberin, der auch sonst Kurzgeschichten oder Songtexte aus der Feder fließen.

 

Anfangs sei das Thema schon etwas sperrig gewesen, schon wegen der Flut von Fachbegriffen. Wer weiß schon, was Factoring ist? Die beiden Autorinnen lassen es ihre Romanfigur folgendermaßen erklären: »>Was verstehst du von Factoring Richard?< >Was denken Sie denn?<, schnaufte Richard säuerlich. Noch immer wusste er nicht, ob ihm dieser Mann sympathisch oder eher unsympathisch erschien. Der Fremde lächelte entschuldigend. >Sagen wir mal, eine Firma benötigt die Gewissheit, nicht lange auf die Zahlung der Rechnungen warten zu müssen, dann verkauft die Firma ihre Forderungen an die Factoringfirma. Diese zahlt die Forderung mit einem minimalen Abzug von ein paar Prozent und sieht dann selbst zu, wie sie das Geld eintreibt.« Wie die Factoringfirma der Balsam AG, Procedo, mit hineingezogen wird in die Betrügereien, wie der Finanzchef aus 569 000 Mark 9,56 Millionen Dollar macht, das beschreiben die Autorinnen im Folgenden.

 

Am Ende doch gefasst
Bilanzen und Betrug sind das eine, doch der Fall Balsam ist ja vor allem so spannend, weil ungeheure Geldsummen beiseite geschafft worden sein sollen, weil sich der Finanzchef unter spektakulären Umständen absetzte -inklusive eines vorgetäuschten Selbstmords - und weil er schließlich doch gefasst wurde von dem unbeirrbaren Kriminalbeamten namens Wallmeier. »Dieser penetrante Kerl«, lassen die Autorinnen ihren fiktiven Schlienkamp schimpfen: Es sei nur Glück gewesen, dass dieser ihn ins Gefängnis gebracht habe. Und schließlich lassen sie ihn auch bekennen: »Sie war nicht meine Firma. Sie war mein Leben.«


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