Haller Kreisblatt,14.11.2014

Das Schicksal der Familie Hurwitz


Gymnasiastin berichtet von nationalsozialistischem Anschlag in Brockhagen

 

hk141114bMomentaufnahme aus Brockhagens Geschichte: Als diese historische Aufnahme entstand, existierte das Haus der Familie Hurwitz noch. Es soll nahe der St. Georgskirche, neben dem früheren Gasthof Bille, gestanden haben. Fotos davon finden sich in öffentlichen Archiven nicht. REPRO: B. NOLTE

 

Es waren scheinbar ganz normale Männer, mit ganz normalen Berufen, die am 11. November 1938 das Haus der jüdischen Familie Hurwitz in Brockhagen anzündeten. Die 17-jährige Gymnasiastin Ann-Christin Langejürgen hat den Fall für eine Facharbeit wieder aufgerollt, in Archiven recherchiert, Fachbücher gewälzt, mit einem Zeitzeugen gesprochen und den Umgang der Brockhagener mit dem dunklen Teil ihrer Geschichte beleuchtet. Das Ergebnis stellte sie im Kantorhaus beim Treffen des Abendkreises vor.


Am 9. November 1938 brannten in Deutschland 1400 .Synagogen und zahlreiche jüdische Geschäfte und Wohnhäuser. Nicht nur in den Großstädten, sondern auch in der Provinz, wie in Brockhagen, wo am Abend des 11. Novembers unter der Rädelsführerschaft des stellvertretenden NSDAP-Ortsgruppenleiters Pohlmann und vier weiterer Brockhagener das Haus der Familie Hurwitz angezündet wurde.

 

„Den ganzen Tag über rumorte es bereits im Haus. Es war ein Kommen und Gehen", erinnerte sich Armin Rieke, der damals sieben Jahre alt war und mit seiner Familie in direkter Nachbarschaft zur fünfköpfigen Familie Hurwitz lebte. „Nathan Hurwitz war Pferdehändler und hat uns Kinder öfter zu Pferdeauktionen

mitgenommen, das war toll."

 

Erste Brandstiftung bereits am Mittag

 

Armin Rieke hatte bereits am Nachmittag des 11. November 1938 nach eigener Aussage beobachtet, dass die drei Pferde der jüdischen Familie abtransportiert worden waren.

 

Schon gegen Mittag erfolgte nach Recherche von Ann-Christin Langejürgen der erste Versuch der Gruppe um Ortsgruppenleiter Pohlmann, das Haus der Familie Hurwitz anzuzünden. „Der Brand konnte aber von der Mutter und einer der beiden Töchter gelöscht werden", berichtete die 17-Jährige.

 

Am Abend kam die Gruppe aber zurück, um ihr Werk zu vollenden. Die fünf Männer schlugen Türen und Fenster ein, überschütteten das Ehebett mit Benzin, zündeten es an, und setzten so das gesamte Haus in Brand. „Und dieselben Männer gingen dann nach Hause, zogen ihre Feuerwehranzüge an und kehrten wieder zum brennenden Haus zurück", so Langejürgen. Zwar seien die Wasserschläuche ausgerollt worden, ernsthafte Löschbemühungen blieben jedoch aus.

 

Armin Rieke erinnerte sich: „Die Schläuche waren alle platt. Mein Vater ist zu den Genossen gegangen und hat ihnen gesagt, dass sie sich mal um Wasser kümmern sollten, aber die meinten nur, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten scheren."

 

Das Haus der Familie Hurwitz brannte bis auf die Grundmauern nieder. „Zuerst sind sie bei einem Nachbarn untergekommen, dann ist die Familie ins sogenannte Judenhaus nach Bielefeld gebracht worden", so Armin Rieke.

 

Vater und Mutter Hurwitz sowie ein Sohn und eine Tochter sind in den Vernichtungslagern Auschwitz und Majdanek ermordet worden. Eine Tochter, die mit einem nichtjüdischen Brockhagener verheiratet war, konnte noch in Bielefeld fliehen und kehrte später nach Brockhagen zurück.

 

Den Tätern wurde im September 1946 im Brockhagener Gemeindehaus der Prozess gemacht, weil die sogenannte Pogromnacht bereits am 10. November von offizieller Stelle als beendet erklärt worden war. Ortsgruppenleiter Pohlmann war bereits in alliierter Gefangenschaft gestorben. Die vier anderen Täter mussten für zwei bis fünf Jahre ins Zuchthaus.

 

hk141114aDunkles Kapitel der Brockhagener Geschichte: Auf Einladung von Erika Puhlmann vom Abendkreis (links) berichtete Ann-Christin Langejürgen über das Schicksal der jüdischen Familie Hurwitz aus Brockhagen. FOTO: B. NOLTE

 

Das Haus der Familie Hurwitz stand gegenüber der Kirche, in direkter Nachbarschaft zum früheren Gasthof Bulle (der ebenfalls nicht mehr existiert), an der Sandforther Straße. Heute stehen an dieser Stelle Mehrfamilienhäuser. Nichts erinnert mehr an das Schicksal der Familie Hurwitz und an das Geschehen.
Gesprochen worden sei in Brockhagen über die Ereignisse des 11. November 1938 so gut wie nie. „Eine Pfarrerin, die in Vertretung hier war, hat mal während ihrer Sonntagspredigt in einem Halbsatz dieses Ereignis erwähnt", berichtete der Brockhagener Wilken Ordelheide, „schon allein das ist nicht sehr gut angekommen."
„Sehr nachdenklich macht mich die Tatsache, dass es bis heute in Brockhagen scheinbar nicht möglich ist, offen über diese Dinge zu sprechen", bilanzierte auch Schülerin Ann-Christin Langejürgen, „nicht um Schuld zuzuweisen und Scham zu erzeugen, sondern um achtungsvoll und friedlich miteinander leben zu kennen und auch Fremde mit in die Dorfgemeinschaft aufnehmen zu können."