Westfalen-Blatt,29.10.2014

Besuche vertiefen die Freundschaft
Vierte Reise der Lateinschüler des Steinhagener Gymnasiums nach Fivizzano — erstmals an der Gedenkstätte

 

 DSC0286Die Piazza Medicea ist immer eine gute Kulisse: Die 42 Steinhagener Schülerinnen und Schüler haben sich drei Tage lang im noch spätsommerlichen Fivizzano wohlgefühlt. Partnerschaftsbeauftragter Giovanni Poleschi (vorne rechts) hat ihnen die Stadt gezeigt.

 

Dass die Partnerschaft zwischen Steinhagen und dem italienischen Fivizzano lebt, ist zu einem guten Teil auch dem Steinhagener Gymnasium zu verdanken: Zum vierten Mal haben Lateinschüler jetzt die Partnerstadt besucht. Und nicht nur die Landschaft und die Warmherzigkeit der Menschen hat sie beeindruckt, auch mit einem dunklen Kapitel der Geschichte haben sie sich auseinandergesetzt.


Mit 42 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 10 und 11 sind die Lehrerinnen Sandra Brinkmann, Vera Noll und Christine Schlätker drei Tage lang in Fivizzano gewesen — und dann weitergefahren an den Golf von Neapel, denn die Spuren der antiken Vergangenheit sind das eigentlichen Exkursionsziel. Doch Fivizzano bietet ihnen stets einen willkommenen Zwischenstopp.

 

 DSC0121In San Terenzo: Mitglieder der »Hans und Sophie Scholl«-Gruppe des Partisanenverbandes übergeben eine Erinnerungsurkunde an Vera Noll, Christine Schlätker und Sandra Brinkmann (vorne v.r.)

 

Intensive Gespräche
»Natürlich lernt man Italien anders kennen über einen solchen persönlichen Kontakt, als wenn man nur Tourist in einem Hotel wäre«, sagt Vera Noll. Regelmäßige Besuche erhalten also nicht nur die Freundschaft, sondern vertiefen sie: »Es entwickeln sich schon intensive Gespräche, und man erfährt wirklich etwas«, sagt sie weiter. So könne man auch die Partnerschaft am Leben halten, sagt Sandra Brinkmann: »Die Besuche sind wichtig, gerade von jungen Leuten, die diese Verbindung schließlich einmal fortführen sollen.«

 

»Ich hatte von Fivizzano gehört, aber konnte mir nichts darunter vorstellen. Es war richtig schön. Die Hügel zum Beispiel und die netten Leute«, sagt denn auch Schülerin Lara Dickeduisberg. Aber nicht nur die schönen Seiten der Partnerschaft lernten die jungen Steinhagener kennen.

 

Geschichte ganz nah
Erstmals besuchte eine Gruppe des Steinhagener Gymnasiums auch die Gedenkstätte in San Terenzo Monti. Dort wird an die unvorstellbaren Gräueltaten, die deutsche SS-Soldaten im Sommer 1944 an der Zivilbevölkerung verübten als grausame Vergeltung für einen Partisanenübergriff, erinnert. Insgesamt 400 Menschen starben dabei in sechs Ortsteilen Fivizzanos.

 

Ihnen ist ein Museum gewidmet, auf Tafeln, die als Kreuzweg angeordnet sind, wird über die Ereignisse informiert, und in der Gedenkstätte selbst sind alle Namen auf großen Stelen verewigt. Dort legten die Steinhagener Jugendlichen nicht nur einen Kranz, sondern auch Steine nieder, auf die sie ihren Namen geschrieben hatten —»Wir denken an Euch«, sollte das heißen. Zwei Schülerinnen hielten eine Ansprache. Dass es emotional belastend werden könnte, das wussten die Schüler: Es sei schon etwas anderes, wenn man die Geschichte direkt vor Ort erzählt bekommt und Bilder sieht, die kurz nach den Massakern entstanden sind, waren sich die Schüler einig. »Man muss sich auch mit der ersten Seite der Partnerschaft auseinandersetzten«, sagt Finn Mattheus.

 

Nie hat diese dunkle Vergangenheit die nunmehr 26 Jahre währende Städtepartnerschaft belastet. Und auch der Besuch der Schüler, ihr Interesse am Schicksal der Ermordeten, wurde mit Freude aufgenommen. Die Gymnasiasten lernten Mitglieder der Jugendgruppe des Partisanenverbandes. kennen, die sich den Beinamen der jungen deutschen Widerstandskämpfer »Hans und Sophie Scholl« gegeben hat.

 

Höhlen und Burg
Eine Höhlenwanderung und Schwimmen im Thermalbad von Equi Terme, die Stadtführung durch das Zentrum Fivizzanos und den Aufstieg zur mittelalterlichen Burg von Verrucola werden die Schüler nicht vergessen. Besonders beeindruckend: ein abendlicher Auftritt der Fahnenschwenker der Gruppo Storico in historischen Gewändern. Zuerst waren nur Trommeln zu hören, dann zogen die Akteure. aus den Gassen auf den Platz und ließen die Fahnen wirbeln. »Sehr stimmungsvoll«, waren die Steinhagener mächtig beeindruckt.
Italien 2014 01Beeindruckend: Die Fahnenschwenker der Gruppo Storico haben die Jugendlichen aus Steinhagen schwer begeistert. Eine solche Aufführung im historischen Gewand hatten sie noch nie gesehen.

 

Auch Bürgermeister Paolo Grassi empfing die Gruppe mit einem Imbiss regionaler Produkte. Giovanni Poleschi als Partnerschaftsbeauftragter und der in Fivizzano ansässige Deutsche Karsten Müller als Dolmetscher begleiteten die Schüler an allen drei Tagen.

 

Danach ging es weiter an den Golf von Neapel, wo die untergegangenen Städte der Antike auf dem Programm standen. In Sorrent trafen die Steinhagener weitere Reisende aus dem Altkreis: das Haller Lehrerehepaar Hage, zum zweiten Mal auf »Elternfahrt« am Vesuv (wir berichteten).