Westfalen-Blatt,08.08.2013

Schüler machen Fotos

 

wb080813aEin Bild aus 25 Kilometern Höhe: Und es ist nicht vom Space-Shuttle aufgenommen, sondern erstmals lichten Steinhagener die Welt von oben ab.

 

Erst seit Montag wissen die drei Steinhagener Gymnasiasten Jonas Wilinski, David Märtins und Nicole Baeumer wirklich, wie Steinhagen von oben, aus dem All, aussieht. Denn das letzte Kapitel ihres Stratosphären-Abenteuers, das kurz vor den Sommerferien mit dem Flug eines mit Kameras bestückten Wetterballons seinen Anfang nahm, hat sich unerwartet in die Länge gezogen.


Zur Erinnerung: Die drei Elftklässler wollen mit dem aufwändigen Projekt »SteinGy Stratos« für eine Arbeit im Kurs »Energie und Umwelt« den Himmel über Steinhagen erforschen. Dazu haben sie am 15. Juli von der Schule aus einen Wetterballon samt einer Gondel mit Kameras bis in die Stratosphäre geschickt (wir berichteten am 16. Juli).

 

Gondel endlich gefunden

 

Doch statt weniger Stunden hat es ganze drei Wochen bis zum »Happy-End« gedauert. Erst am vergangenen Sonntag ist die Gondel mit den Kameras endlich südlich von Kassel gefunden und am Montag unter abenteuerlichen Umständen geborgen worden - mit Pfeil und Bogen. Die Videos sind gesichtet, und die drei Jungforscher überwältigt von der Fülle und Qualität der Bilder: »Wir haben sehr gutes Material. Vor allem von der horizontalen ProGoKamera«, sagt Nicole Baeumer. Auch die vertikal nach unten gerichtete kleine Kamera hat zuverlässig gefilmt, die nach oben gerichtete ist hingegen ausgefallen. Macht nichts.

 

Schwarz und still

 

wb080813bAm Computer schneiden (von links) Jonas Wilinski, Nicole Baeumer und David Märtins ein Video aus 70 Gigabite Bildmaterial zusammen. Die Kameras waren gut geschützt im Styroporkasten der Gondel.

 

Viel wichtiger ist, dass die Kameras überhaupt wieder da sind. Drei Wochen haben die drei 17-Jährigen zwischen Hoffen und Bangen verbracht. Dabei sah am 15. Juli alles so gut aus, als um kurz vor 14 Uhr, der mit Helium gefüllte Wetterballon im zweiten Anlauf endlich abhob. Das Wetter war gut, die Wolkendecke locker, und der Ballon stieg schnell und relativ senkrecht hoch und höher und machte dabei klare und scharfe Aufnahmen vom Gymnasium, von Steinhagen, von Quelle und Ummeln - man sieht beispielsweise die A 33-Auffahrt am OWD.

 

Und dann wird die Erde immer kleiner, nach zehn Minuten durchstößt der Ballon die Wolkendecke, die Linse beschlägt etwas, und dann werden auch die Wolken kleiner, der Himmel schwarz. Absolute Stille. Der Ballon ist in 25, dann in 30 Kilometern Höhe angekommen. Alles nach Plan. Dann platzt die Hülle, die unter abnehmendem Druck immer praller geworden ist. »Toll, dass er es bis in diese Höhe geschafft hat«, sagt David Märtins. Das leichte Trudeln der Gondel sehen die drei, dass der Akku verrutscht, hören sie. Die Fallschirme sind noch nicht aufgegangen, der Sinkflug beginnt.

 

Suche im Wald

 

Der GPS-Tracker hat zuverlässig Daten gesendet. Zweieinhalb Stunden nach dem Start erhielten die Elftklässler Koordinaten aus den Kasseler Bergen. Und dennoch: Von der Gondel war keine Spur am angegebenen Ort, einem Waldstück südlich von Battenhausen nahe Bad Wildungen.

 

»Wir hatten noch Hoffnung, dass jemand die Gondel findet, für den Fall auch einen Brief beigelegt«, sagt Jonas Wilinski, der zudem bei den Forstämtern nachfragte. »Am Sonntag sind wir dann noch einmal hingefahren. Denn uns war aufgefallen, dass es nord-westlich des Ortes, etwa 2,5 Kilometer vom ersten Suchgebiet entfernt, eine Ballung von Koordinaten gab, die das GPS zuvor gesendet hatte«, so David Märtins. Und tatsächlich: Dort sahen sie den Styroporkasten, der noch an seinen Fallschirmen hing - und leider auch 20 Meter hoch im Baum.»

 

Der erste Glücksmoment wich sofort der Frage, wie wir sie da herunterbekommen«, schildert Nicole Baeumer.

 

Mit Pfeil und Bogen

 

Zu beklettern war der Baum nicht. Aber die drei Jungsforscher waren findig: Mit Pfeil und Bogen machten sie am Montag Jagd auf die wertvolle Kiste. Zwei Freunde, Max Staudigel und Florian Sommer, leisteten ihnen Schützenhilfe bei dem Vorhaben, mit dem Pfeil eine Angelschnur durch die Schnüre der Gondel zu schießen, daran ein Seil hochzuziehen, ordentlich daran zu rütteln und die Gondel so aus ihrem luftigen Dasein zu befreien. Endlich fiel sie, und verfing sich an einem anderen Ast. Also: Bogen wieder anlegen. Die Mühsale waren mit dem ersten Blick auf die Bilder vergessen. 70 Gigabite Datenmaterial haben die drei nun auszuwerten und zu einem etwa zehnminütigen Video zusammenzuschneiden, Flugzeiten und Höhe einzublenden und den ungewöhnlichen Blick ins All allen zu eröffnen.


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