Haller Kreisblatt

Zehn Jahre Gymnasium: Im HK-Interview erinnert sich Direktor Josef Scheele-von Alven zurück und kritisierte die Entscheidung für G 8

Steinhagen. Das Steinhagener Gymnasium feiert diesen Samstag seinen zehnten Geburtstag. Zeit, einmal zurückzublicken, wie sich die Schule entwickelt hat. Schulleiter Josef Scheele-von Alven spricht mit den HK-Redakteuren Frank Jasper und Juergen Wohlgemuth über die Aufbruchstimmung der ersten Jahre, aktuelle Raumknappheit, G 8-Unmut und fordert zukunftsfähige Entscheidungen in der Bildungspolitik.

 

Schon erschreckend: Schulleiter Josef Scheele-von Alven kritisiert, dass Bildungsausgaben trotz schlechter PISA-Ergebnisse runtergefahren werden

Herr Scheele-von Alven, wenn Sie sich zurückerinnern: Was war aufregender, Ihr erster Schultag als i-Männchen oder Ihr erster Tag als Direktor am Steinhagener Gymnasium?

JOSEF SCHEELE-VON ALVEN: Aufgeregter war ich auf jeden Fall bei meiner eigenen Einschulung. Das war 1960 und ich bin auf die katholische Volksschule in Vechta gekommen. Meine Eltern haben mir eine Schultüte geschenkt und vor der Schule ging es in den Gottesdienst. Das war schon damals so. Allerdings fanden die Einschulungen zu meiner Zeit noch um Ostern herum statt. Die erste Zeit am Steinhagener Gymnasium war gleichwohl sehr aufregend. Wir sind mit sechs Lehrern und 90 Schülern in Containern neben dem Cronsbachstadion gestartet und konnten von dort aus beobachten, wie die Säulen unserer Schule aus der Erde wuchsen. Vorher war da ja nur eine platte Wiese. Meinen Dienst als Schulleiter habe ich aber schon ein halbes Jahr vor dem Schulbetrieb angetreten. Das war im Februar 2001 und ich habe mir im Rathaus ein Büro mit den Grünen geteilt, um dort die Einstellungsgespräche zu führen. Von der im Vorfeld geführten Diskussion, ob es überhaupt ein Gymnasium in Steinhagen geben soll, habe ich nur am Rande mitbekommen. Es soll aber eine sehr kontrovers geführte Debatte gewesen sein.

Die erste Zeit in den Containern war von Improvisationen geprägt. Erzählen Sie mal!

SCHEELE-VON ALVEN: Uns fehlten viele Einrichtungen, die heute selbstverständlich sind. Fachräume gab es nicht. Aber die ungeheure Dichte, die zwischen Schülern und Lehrern herrschte, hatte auch positive Seiten. In jeder großen Pause war quasi Lehrerkonferenz. Es war damals leicht, jeden Schüler mit Namen zu kennen. Die Aufbruchstimmung wurde von einer jungen Gruppe von Lehrern getragen, die sich vorgenommen hatte, eine gute Schule nach vorne zu bringen. Von dem Team damals sind bis heute fast alle Lehrer geblieben. Meine damalige Stellvertreterin Christa Wille-Möller hat uns im Januar 2006 verlassen, um als Leiterin des Königin-Mathilde-Gymnasiums nach Herford zu wechseln.

Im Dezember 2002 konnten Sie endlich in das Gymnasium einziehen.

SCHEELE-VON ALVEN: Genau! Eineinhalb Jahre nach der ersten Einschulung wurde der erste Bauabschnitt fertiggestellt und wir sind in ein Gymnasium eingezogen, das zu diesem Zeitpunkt noch völlig überdimensioniert war. Eine Bauwand in der Eingangshalle trennte den Bereich, in dem noch gebaut wurde. Ich kann mich noch erinnern, dass es trotz der Bautätigkeit erstaunlich leise war. Weil die Hauptschule damals unter einer Raumknappheit litt, hat sie später das Gymnasium mitgenutzt. Dadurch war das Gebäude dann doch etwas belebter.

Besagter Bau der Architekten Andreas Knirr und Burghard Pittig ist in den vergangenen Jahren immer wieder gelobt worden. Was macht den Reiz des Gebäudes aus?

SCHEELE-VON ALVEN: Die helle, transparente Bauweise prägt die Atmosphäre unserer Schule. Wir haben hier viel Sonnenlicht und profitieren von der durchdachten Aufteilung des Gebäudes. Wir können Doppeljahrgänge in einem eigenen Trakt, einer eigenen räumlichen Heimat unterbringen und die ganze Schule in der großzügigen Eingangshalle versammeln. Die kreisrunde Bauweise ist mehr als ein architektonischer Einfall.

Allerdings stößt das Gymnasium inzwischen räumlich an seine Grenzen.

SCHEELE-VON ALVEN: Diese Schule ist dreizügig angelegt. Mit Ausnahme des sechsten und elften Jahrgangs sind wir aber vierzügig und zählen aktuell 950 Schüler. Darum haben wir in der Tat enorme Raumknappheit. Um viele Räume zu hundert Prozent zu belegen, werden die Schüler in den neunten und zehnten Klassen nur noch in Fachräumen unterrichtet; sie haben keine eigenen Klassenzimmer mehr. Aus meiner Sicht gibt es in Zukunft in Steinhagen ein Potenzial von drei bis vier Zügen für das Gymnasium, in der Oberstufe von 90 bis 110 Schülern in jedem Jahrgang . Ich würde mir wünschen, mehr räumliche Spielräume zu schaffen.

Wie wird sich die Schullandschaft mit Einführung einer Sekundarschule ändern?

SCHEELE-VON ALVEN: Die Schülerzahlen, auch die zukünftigen, sprechen für zwei weiterführende Schulen in Steinhagen. Eine Sekundarschule kann neben dem Gymnasium ein eigenständiges Profil entwickeln. Wenn die Realschule in eine Sekundarschule übergehen möchte, sollte man ihr die Möglichkeit geben. Dann sind auch die Chancen gut, dass es eine gute Schule wird. In eine Kooperation zum Übergang in die gymnasiale Oberstufe werden wir unsere guten Erfahrungen mit der Aufnahme von Realschülern gern einbringen.

Eine Herausforderung, der Sie sich in den letzten Jahren stellen mussten, war die Umstellung auf G 8, die Schülern das Abitur in zwölf statt bisher 13 Jahren ermöglicht. War G 8 eine kluge Entscheidung?

Brauchen mehr räumlichen Spielraum: Das Gymnasium ist dreizügig angelegt, doch in den meisten Jahrgängen wurden in der Vergangenheit vier Klassen gegründet Fotos: J. Wohlgemuth

SCHEELE-VON ALVEN: Ich frage mich, ob wir Absolventen brauchen, die ein Jahr jünger sind. Viele Abiturienten nutzen jetzt das Jahr nach dem Abi, um sich zu orientieren. Zum Beispiel indem sie ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren. Aus G 8-Sicht völlig unsinnig, weil sie ja möglichst schnell in den Arbeitsmarkt starten sollen. Wir stellen außerdem fest, dass sich die Schüler, die heute in die Oberstufe wechseln, deutlich schwerertun bei der Wahl ihrer Schwerpunktfächer - da kann ein Jahr Unterschied eine Menge ausmachen. Nicht umsonst benutzte man früher den Begriff der Reife im Zusammenhang mit dem Abitur. Das hat etwas mit Lebenserfahrung zu tun. Andererseits gewinnen die jungen Menschen ein Jahr Lebenszeit, in der sie selbst entscheiden können, ob sie noch Zeit zur Orientierung brauchen oder ob sie durchstarten wollen. Die Einführung von G 8 hatte meiner Meinung nach auch pragmatische Gründe, zum Beispiel die Vereinheitlichung von Ost und West. Und es hat sicher seine Gründe, warum die Entscheidung zu G 8 in der Finanzministerrunde gefallen ist. G 8 spart vor allem eins: Geld.

Eine weitere bedeutsame Änderung war die Umstellung auf den Ganztagsunterricht, der nicht bei allen Schülern und Eltern gut ankommt.

SCHEELE-VON ALVEN: Der Ganztagsunterricht ist natürlich eine Konsequenz aus dem G 8-Konzept. Ich halte es aber nicht für schlimm, dass die Schüler jetzt bis 15.30 Uhr in der Schule bleiben. Davon mal abgesehen, hatten wir bereits vorher viele Nachmittagsangebote. Wir müssen uns als Gymnasium allerdings von der Vorstellung trennen, Hausaufgaben aufzugeben. Wenn die Schüler um 15.30 Uhr von der Schule kommen, sollte die Nachbereitung des Unterrichts abgeschlossen sein. Das Ganztagsgymnasium ist ein zukunftsfähiges Konzept, das Schule als Lebensraum begreift und damit mehr pädagogische Möglichkeiten eröffnet. Aus Elterngesprächen weiß ich übrigens, dass durch den Ganztag mehr Frauen darüber nachdenken, wieder arbeiten zu gehen.

Welche Bedeutung hat das Schulprofil des Gymnasiums, das von Musikklassen bis zum Titel Europaschule reicht?

SCHEELE-VON ALVEN: 30 bis 40 Prozent unserer Schüler nutzen die besonderen Angebote, die wir ihnen bieten. Das ist wichtig für deren Persönlichkeitsentwicklung. Jeder hat seine Stärken und kann sie hier weiter ausbilden. Das kann in einem Kurs »Japanisch für Anfänger« sein oder in unserer Flugmodell-AG.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Gymnasiums?

SCHEELE-VON ALVEN: Ich finde es erschreckend, dass der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttosozialprodukt trotz schlechter PISA-Ergebnisse abnimmt. Unverständlich für eine Industrienation, wenn man bedenkt, dass Deutschland in der letzten OECD-Veröffentlichung unter 36 Nationen gerade mal auf Platz 30 gelandet ist. Ich wünsche mir darum für das Gymnasium kleinere Klassen und mehr Mittel für individuelle Förderung von Schülern. Nur so können wir die Zahl der Abiturienten erhöhen und daran mitwirken, den spezifisch deutschen Zusammenhang von sozialem Status und Bildungserfolg aufzuweichen. Und ich wünsche mir, dass sich der SteinGy-Geist weiter entwickelt und innerhalb und außerhalb der Schule die Identifikation mit der Schule noch weiter gefestigt wird.