Haller Kreisblatt

In der kommenden Woche nimmt der erste Doppeljahrgang am Steinhagener Gymnasium seinen Betrieb auf 

 

Die 93 Schüler, die in der kommenden Woche in die zehnte Klasse des Gymnasiums wechseln, haben etwas gemeinsam mit den 119 Schülern, die in die Elf kommen: Beide Jahrgänge werden 2013 ihr Abitur machen. Der Doppeljahrgang ist das Ergebnis aus der Schulreform, die das Abitur nach zwölf statt nach 13 Jahren vorsieht. Schüler und Lehrer stellt das achtjährige Gymnasium, kurz G 8, vor nicht unerhebliche Herausforderungen. 

 

ImageMan sieht sich beim Abiball: Pia Steinhage (von links), Steffi Winkler und Lina Stindt kommen nach den Ferien in die elfte Klasse. Jona Schwarck, Maximilian Remmert und Robert Puc wechseln aus der Neun in die Elf. Beide Jahrgänge werden 2013 mit dem Abitur entlassen. Auf dem Weg dorthin werden sie sogar in einigen Fächern gemeinsam unterrichtet.FOTO: F. JASPER

In den meisten europäischen Ländern ist das Abitur nach zwölf Jahren gang und gäbe, und so gab es immer wieder Kritik vor allem aus der deutschen Wirtschaft, die deutschen Schulabgänger seien im internationalem Vergleich zu alt. Daneben beflügelte ein weiteres Argument die politische Entscheidung für die verkürzte Schulzeit. Denn natürlich kosten acht Jahre Gymnasium weniger als neun.

Wie Winfried Braun, Oberstufenkoordinator am Steinhagener Gymnasium erklärt, werden die 93 Schüler, die als Erste nach acht Jahren das Gymnasium verlassen werden, den gleichen Unterrichtsstoff lernen müssen wie die Schüler vor ihnen. Was Kinder vorher in neun Jahren auf dein Gymnasium gelernt haben, wird jetzt in acht gepresst.

„Die Inhalte werden in Zukunft anders auf die Schulzeit verteilt", so Winfried Braun. „Im alten System mit einem neunstufigen Gymnasium mussten die Schüler durchschnittlich 30 Wochenstunden absolvieren, im neuen achtstufigen System werden sie durchschnittlich 32 bis 33 Stunden pro Woche belegen."

Noch länger pauken, wenn den Schülern schon der Magen knurrt? „Da wir seit einem Jahr als Ganztagsschule funktionieren, ergeben sich natürlich ganz neue Spielräume", erwidert Winfried Braun. So kann ein Teil des Unterrichts auf den Nachmittag verlegt werden. Auch der Samstagsunterricht wurde im Vorfeld diskutiert, dann aber wieder verworfen.

Am Steinhagener Gymnasium wird die gymnasiale Oberstufe weiterhin aus drei Jahren bestehen. Der zehnte Jahrgang bildet die so genannte Einführungsphase, Elf und Zwölf werden schulintern als Qualifikationsphase bezeichnet. Die beiden Jahrgänge, die somit nach den Ferien in die Einführungsphase einsteigen, werden bis auf wenige Ausnahmen getrennt voneinander zum Abitur geführt. „Die Entwicklung der Schüler ist einfach noch zu unterschiedlich", so Oberstufenkoordinator Winfried Braun.

Allerdings haben sich aufgrund der Personalsituation am Gymnasium und des Wahlverhaltens der Schüler doch einige Zusammenlegungen ergeben. Ein Beispiel: Mit Beginn der Oberstufen können Gymnasiasten erstmals das Unterrichtsfach Spanisch wählen. Da sowohl die künftigen Zehner als auch die Elfer bei null anfangen, wird der Spanischkurs aus Schülern beider Jahrgänge bestehen. Ähnlich verhält es sich in den Fächern Latein und Sozialwissenschaften.

ImageSind gut vorbereitet: Winfried Braun (links), Jennifer Kruppke und Matthias Schwengelbeck setzen das G 8 Konzept um und begleiten die Schüler auf dem Weg zurn Abitur. FOTO: F. JASPFR

Die verkürzte Schulzeit ist nicht unumstritten. Zum Missfallen vieler Eltern wird ihren Kindern beim Turbo Abitur in kürzerer Zeit noch mehr abverlangt. Eine Kritik, die Lehrer Matthias Schwengelbeck nachvollziehen kann. Zusammen mit seiner Kollegin Jennifer Kruppke fungiert er für die neuen Zehntklässler als Jahrgangsstufenbetreuer. „Natürlich fällt es Schülern in neun Jahren leichter den Stoff zu lernen, den sie nun in acht Jahren verinnerlichen müssen. Das bedeutet in der Praxis zum Beispiel mehr Lesevolumen", führt er ein Beispiel an und gibt sich nachdenklich: „Es stellt sich außerdem die Frage, ob vor dem Hintergrund einer immer komplexer werdenden Welt eine längere Schulzeit nicht auch ein Gewinn sein kann." Winfried Braun ergänzt: „Ich hätte die Schüler auch gerne noch ein Jahr länger hier behalten. Ein höheres Alter bedeutet schließlich auch mehr Reife und mehr Sozialkompetenz." Kampf um Studienplatz wird härter für Generation G 8 Nach etlichen Konferenzen und Planungen betonen die Pädagogen jedoch, dass man am Steinhagener Gymnasium auf einem sehr guten Weg sei, die neuen Herausforderungen zu meistern und die Schüler bestens auf die Zukunft vorzubereiten. Besagte Zukunft dürfte für den ersten Doppeljahrgang aber noch eine unangenehme Überraschung bereithalten. Denn wenn im Jahr 2013 landesweit zwei Jahrgänge auf einmal mit dem Abitur in der Tasche das Gymnasium verlassen, könnte es eng werden an den Hochschulen und auf dem Arbeitsmarkt. Der Kampf um freie Ausbildungs oder Studienplätze dürfte für die Generation G 8 härter werden. Allein in Steinhagen werden 2013 nach jetzigem Stand 212 Schüler das Gymnasium verlassen.

DER HINTERGRUND

Im Osten nichts Neues

In den meisten europäischen Ländern hat das Abitur nach zwölf Jahren Tradition. Und auch in der DDR galt die kürzere Schulzeit. Dann kam die Wende, das Zwölf JahreAbitur galt den Bildungspolitikern im Westen als Relikt des zentralistischen Bildungssystems der DDR. Nach und nach schwenkten Sachsen Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern um auf das längere Lernen, doch inzwischen haben auch diese Länder wieder auf das für sie alte System umgestellt übrigens ohne die Aufregung, die das Thema in den alten Ländern nach wie vor verursacht.  


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