Die Lücken im Lehrstoff sind das eine. Was aber nach Ansicht von Stefan Binder, Schulleiter des Steinhagener Gymnasiums, in der Coronazeit mindestens ebenso Spuren hinterlassen hat bei Kindern und Jugendlichen ist die Vereinzelung. Über Monate waren sie ohne Schule, ohne Vereinsleben, ohne die Gemeinschaft: „Die Defizite im sozialen Miteinander müssen wir jetzt auffangen.“ Und dafür nutzt das Steinhagener Gymnasium Landesfördermittel. Westfalen-Blatt 13.04.2022.

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Yannik Peperkorn (links) betreut die Schülerinnen und Schüler im MINT-Profil: Dabei sind Julian Haberecht und Florian Diekmann mit ihrem selbstfahrenden Auto und die Jugend-forscht-Teilnehmerinnen des vergangenen Jahres Michelle Immel und Finja Diestelkamp. FOTO: Annemarie Bluhm-Weinhold

„Ankommen und Aufholen nach Corona“ heißt ein Topf des NRW-Schulministeriums, gefüllt mit 430 Millionen Euro. Jede Schule hat ihr eigenes Budget, und da die Gemeinde Steinhagen als Schulträger auf ihren Anteil von 30 Prozent verzichtet hat, haben die Schulen etwas mehr: 40.000 Euro sind es am Steinhagener Gymnasium. „Das Geld kann wirklich wirksam werden“, so Binder.

Ganz unterschiedliche Angebote gibt es, die alle das Ziel haben, dass Gruppen wieder zusammenwachsen. Für jede Klasse gibt es einen Sockelbetrag für Exkursionen oder Teamtraining. Was gebraucht wird, das entscheidet jede Klasse selbst. So hatte sich die Q1 zum Beispiel für zwei Tage nach Haus Neuland in Sennestadt verabschiedet, um ein Seminar zur Verbesserung der Kommunikation zu absolvieren – sprich: Diskutieren, Präsentieren von Referaten, freie Rede. Absolut sinnvoll findet Binder das: „Die Q1 war fast ein Jahr lang nicht in der Schule. Und Online-Unterricht fördert nicht die Kommunikation. Das haben wir tagtäglich im Unterricht gemerkt.“ Eine neunte Klasse hingegen hat ein Training zur Stärkung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen inklusive Kampftraining und Abseilen gemacht.

Nachhilfe hingegen setzt das Gymnasium nicht flächendeckend ein: „Wir haben ohnehin gute Angebote, die genutzt werden können, um Defizite aufzuarbeiten“, so Binder. Dennoch gibt es natürlich zusätzlichen Bedarf. Und so werden Bildungsgutscheine für zehn Unterrichtseinheiten je 90 Minuten beim Kooperationspartner Studienkreis ausgegeben. „Wir schauen, welche Schüler besondere Bedarfe haben und haben Kleingruppen gebildet, die samstagvormittags Angleichungskurse besuchen“, so Binder. Mehr als 80 Gutscheine sind vergeben worden an Schülerinnen und Schüler von der fünften Klasse bis zur Q2.

Der dritte Baustein der Corona-Schulhilfen besteht in Extra-Personal. „Das kommt direkt vom Land“, so Binder. Wie viele Stunden eine Schule abbekommt aus dem großen Topf, das richtet sich wiederum nach der Schülerzahl. „Bei uns sind es 14 Stunden. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass eine volle Lehrerstelle 25,5 Stunden zählt.“

Das Steinhagener Gymnasium beschäftigt Unterstützungskräfte, für Schulprojekte, um das eigene Profil wieder zu schärfen. Und dazu gehört zum Beispiel das musikalische Leben. „Unsere Ensembles haben 18 Monate nicht geprobt. Die früheren Swingkids haben inzwischen Abitur, und die neuen hatten noch keine Probe“, so der Schulleiter. Lehrerin Beate Sehlhoff, die die Chorarbeit macht, hat zwei externe Kräfte für Repetitor- und Stimmbildungstätigkeit zur Seite bekommen: Olga Teske, die in Steinhagen eine Musikschule betreibt, und Klavierpädagogin Ekaterina Engler.

Im MINT-Profil leistet Yannik Peperkorn, einst selbst Schüler am SteinGy, heute Doktorand in der Chemie, neben den Fachlehrern Anschubhilfe bei der Projektarbeit, Jugend forscht etwa. Über viele Monate hat diese Arbeit weitgehend geruht.

Und schließlich sieht der Schulleiter auch im Sport vieles „im Argen“, wie er sagt. Beim Schwimmen etwa. Sportstudentin Kiara Kuhrs, die kurz vor dem Abschluss ihres Masterstudiums steht, ist hier mit von der Partie.

Defizite flächendeckend aufzuholen hält Stefan Binder für unmöglich. Was müsste also passieren? „Es müsste strukturelle Änderungen geben. Wir brauchen mehr Personal. Aus pädagogischer Sicht haben wir zu wenig.“ Klassenfrequenzen von 30 oder 31 Schülerinnen und Schülern erlaubten kaum, auf alle individuell einzugehen. Die Ausstattung ist dank der Gemeinde als Schulträger hingegen, wie Binder sagt, „vorbildhaft“. Dennoch stehen auch hier große Investitionen an – Stichwort: Erweiterungsbau. „Als eine dreizügige Schule im Ganztag sind wir voll ausgelastet. Nun kommt aber wieder ein Jahrgang mehr.“ Und bei durchgehender Vierzügigkeit auch eine Klasse mehr pro Jahrgang...