Zur Einstimmung spielt das Schulorchester eine Streicherversion von „Summertime Sadness“ der US-Sängerin Lana Del Rey. Dann betreten nacheinander sechs mutige junge Frauen die Bühne des Steinhagener Gymnasiums, um im Poetry-Slam vor etwa 80 Zuhörerinnen und Zuhörern ihre originell formulierten Gedanken vorzutragen. Westfalen-Blatt, 02.04.2022.

2022 0402PoetrySlamSechs mutige und kreative junge Frauen stellen ihre selbst geschriebenen Texte vor. Von links: Xenia, Sophie, Mahrosh, Zine, Annike und Miriam. FOTO: Johanes Gerhards

„Jungs haben sich nicht gemeldet“, sagt Hauptorganisatorin Miriam über die Veranstaltung, deren Erlös in die Finanzierung des Abiballs fließen soll.

Den Anfang macht Xenia mit Überlegungen zu Aussehen und Körper. „Man muss den eigenen Körper nicht lieben, aber auch nicht hassen“, so ihre Empfehlung über das „Haus, in dem die Seele wohnt“. Verschiedene Sinne ermöglichen angenehme Gefühle und Empfindungen. Das Hören eines Lieblingslieds vergleicht sie mit der Umarmung durch den Sänger. „Du bist so viel mehr als nur dein Körper, jeder ist auf seine eigene Art besonders“, heißt es im Text, der mit den Worten endet: „Nichts ist so schön wie Menschen, die in ihrer Leidenschaft aufgehen.“

„Musik ist dein eigener Herzschlag, sie kann uns fühlen lassen, was wir fühlen wollen“, behauptet Sophie, die unter anderem die langweiligen Wochen einer zurückliegenden Quarantäne beschreibt. Musik war fester Bestandteil ihrer Tage und Nächte, sie könne vielleicht nicht die Welt retten, aber die Seele. Musik kann heilen helfen, Musik drückt Gefühle aus. Insofern lautet Sophies Fazit: „Wenn Musik guttut, dreht sie lauter!“

Mahrosh stellt unterschiedliche Formen von Versagensängsten ins Zentrum ihrer Ausführungen über Individualität und Oberflächlichkeiten. „Egal wie perfekt du bist, nie wird jemand zufrieden sein“, behauptet die Autorin und stellt die Frage, was schiefgelaufen ist, wenn die Gesellschaft zuerst eine eigene Meinung von dir fordert und dich dann dafür bestraft. „Entscheidend ist, wenn du mit dir selbst zufrieden bist“, ermutigt Mahrosh und erhält für ihren abschließenden Appell zustimmenden Applaus.

Nach einer Pause, in der das Publikum sich mit diversen Snacks bewirten lassen kann, setzt Miriam mit ihrem Beitrag „Ich bin gerne siebzehn“ das Programm fort. Auch wenn Pickel in den unmöglichsten Momenten entstehen, könne sie nach Belieben zickig sein oder in Tränen ausbrechen, wenn sie aus Versehen eine Ameise tötet, weil sie dann an deren Mama denken muss, die ihr Kind vermisst. Außer bei Liebeskummer sei siebzehn die schönste Zeit im Leben, sagt Miriam und schränkt zurückrudernd ein: „Aber was weiß ich schon vom Leben, ich bin ja erst siebzehn“.

Die Jüngste im Bunde ist die mit großem Selbstbewusstsein ausgestattete Zine aus dem achten Jahrgang. In teilweise gereimten Zeilen erzählt sie über etwas, „wofür wir im Leben keinen Radiergummi haben“. Es geht um Fehler und die Frage, wie eine Welt der Fehler vermeidenden Maschinen aussähe. Mit Dietrich Bonhoeffer ist sich Zine einig: „Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“ So rät sie, das Leben als Prüfung zu betrachten und niemals aufzuhören, neue Versuche zu unternehmen. Beim abschließenden Votum erhält Zine 21-prozentige Zustimmung und landet auf dem zweiten Platz der Publikumsgunst.

Siegerin wird Annike frei nach dem biblischen Motto „Die Letzten werden die Ersten sein.“ Sie schildert ihr geheimes Leben als Nyktophile, einer „Liebhaberin der Nacht“. Schon seit ihrem 14. Lebensjahr pflegt sie ihre Leidenschaft, die einsetzt, „wenn die orangene Glut zu grauem Rauch“ wird. Treppe runter, Schuhe an, Licht aus, Tür zu und ab in die wohltuende Dunkelheit, so beschreibt sie einfühlsam und nachvollziehbar den Beginn ihrer nächtlichen Streifzüge. „Ich fühl‘ mich wohl so, wie ich bin, und die Nacht nimmt mich, wie ich bin“, mit diesen Worten verabschiedet sich die letzte Slam-Poetin aus dem Rampenlicht und verschwindet in der Dunkelheit.