Nach Diskussionen von Eltern, Lehrern und Schülern: Gymnasium benennt Perspektive, Westfalen-Blatt 30.11.2017

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Die Tendenzgeht zu G9 im Ganztag: Schulleiter Josef Scheele-von Alven(li.) und Stellvertreter Stefan Binder. Foto: Bluhm-Weinhold

Weiter mit G 8? Zurück zu G 9? Einen Beschluss der Schulkonferenz kann es – mangels Gesetz des Landes – noch nicht geben. Eine Tendenz aber lassen Schulleiter Josef Scheele-von Alven und sein Stellvertreter Stefan Binder erkennen: »Das Steinhagener Gymnasium strebt den G9-Bildungsgang im gebundenen Ganztag an.«

Denn dieser ist laut Schulleitung ein Qualitätsmerkmal der Schule. Das hat sich in den über Wochen geführten Diskussionen in Eltern- sowie Lehrerforen und bei einem Wochenend-Seminar der Schülervertretung (SV) als ein wichtiges Kriterium herausgestellt: »Wir sind positiv überrascht, dass es offenbar verbreitet das Bewusstsein gibt, dass das Profil der Schule am Ganztag hängt. Dahinter tritt auch die Diskussion um G 8 und G 9 zurück.«

Diese Diskussion, berichten die beiden Schulleiter, sei relativ geschmeidig, aber dennoch kontrovers geführt worden. Die Eltern seien zu einem geringen Teil für G 8, weil es in Steinhagen eben gut etabliert sei. Seit 2009 ist das Gymnasium Ganztagsschule. Und die SV war sogar sehr stark für die kurze Schulzeit – wenn der Ganztag bleibt. Die Lehrer waren mit großer Mehrheit für G 9.

Josef Scheele-von Alven beklagt ein Dilemma: Denn einerseits ist man im Gesetzgebungsverfahren noch nicht über den Referentenentwurf hinaus, der Erlass ist im Frühjahr 2018 und das Gesetz bestenfalls im Sommer 2018 zu erwarten. »Das reicht aber nicht, weil Stundentafeln und Prüfungsordnungen entwickelt werden müssen.« Lehrpläne werde es erst zum Schuljahr 2019/20 geben.

»Andererseits fragen uns die Eltern, die ihre Kinder zur weiterführenden Schule anmelden müssen, wohin der Weg geht«, so Scheele-von Alven. Der Infoabend für Grundschuleltern am Montag sei so gut besucht gewesen wie nie zuvor. Denn die Kinder, die im Sommer in die fünfte Klasse kommen, würden ein Jahr nach G 8-Vorgaben lernen und danach mit in den G 9-Bildungsgang übergehen, so das Vorhaben des Landes.

Immer ist die fehlende Vertiefung des Lehrstoffs im nur noch achtjährigen Gymnasium kritisiert worden. Aber: »G 9 bringt nicht so viele Stunden mehr, dass es einem ganzen Schuljahr entsprechen würde«, sagt Stefan Binder. Heute sind es 163 Stunden, 188 werden es mit G 9. »Erst im Ganztag sind viele Dinge machbar wie die Stunden Sozialen Lernens und Projekte wie ›Jugend forscht‹, Formel 1 und Musical. Und vor allem können wir durch einen 20-prozentigen Lehrerzuschlag, den wir durch den Ganztag haben, auch die Lernzeiten mit Fachlehrern abdecken und brauchen keine externen Kräfte«, so Scheele-von Alven. Ziel des Gymnasiums war es bereits, dass alle Hausaufgaben erledigt sind, wenn die Schüler um 15.40 Uhr die Schule verlassen. Dabei soll es bleiben.

G 9, das bedeutet aber für die Gemeinde neue Kosten. Denn die Schule hat mit einem Jahrgang und 100 Schülern mehr im Gebäude ein Raumproblem. Bei Dreizügigkeit würden vier Klassenräume und ein naturwissenschaftlicher Raum fehlen.

Dass das Gymnasium beim gut eingeführten G 8 bleibt, gewissermaßen als Alleinstellungsmerkmal, ist für den Schulleiter keine Option: »Wir sind das einzige Gymnasium am Ort. Da könnten wir Schüler verlieren.«

 

wb011217Steinhagener Aspekte
von Annemarie Bluhm-Weinhold, 01.12.2017


G 9 mit besonderer Qualität


Die Schulen sind das Pfund, mit dem Steinhagen gerne wuchert, wenn es um die Familienfreundlichkeit als Standortfaktor geht. Gute Ausbildung, das betonen alle politischen Parteien, ist ihnen etwas wert. Das schlägt sich im Schuletat nieder, der in dieser Woche gerade mit 4,5 Millionen Euro an Sachkosten für 2018 empfohlen worden ist – plus Investitionen. Und das zeigt sich auch bei der am Mittwoch verkündeten Perspektiv-Entscheidung des Steinhagener Gymnasiums: zurück zu G 9 – aber im gebundenen Ganztag. Klare Aussage von Schulamtsleiterin Gabi Schneegaß dazu: »Es steht außer Frage, dass wir das unterstützen.« Dabei kann sie sich auf einen breiten Konsens in der Politik berufen: Alle Parteien haben signalisiert, dem Gymnasium Rückhalt zu geben, wenn G 9 gewünscht ist. Selbst wenn das Millionen kostet für neue Räume, die dann nötig sind.

Obwohl das Gesetz noch in weiter Ferne ist, so ist die Richtung des Steinhagener Gymnasiums deutlich – schon, um zukünftigen Schülern und Eltern Klarheit zu geben. Die Schule hat aus der Not von G 8 in den vergangenen acht Jahren mit einem speziellen Ganztagsmodell eine Tugend gemacht. Das zeigen die überdurchschnittlichen Leistungen der Schüler schließlich. Aber die Zukunft sehen Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schülervertretung mehrheitlich offenbar im neunjährigen Gymnasium. Doch eine Rolle rückwärts zum »alten G 9« kann es nicht geben. Halbtagsschule war gestern, sie ist nicht mehr zeitgemäß.

Wichtiger als die Form ist der Inhalt: Der gebundene Ganztag in Steinhagen ist schließlich mehr als Nachmittagsunterricht. Er bietet eine besondere Qualität – bei der Hausaufgabenbetreuung durch Fachlehrer, bei Extras wie Soziales Lernen und mit vielen Experimentierfeldern etwa im MINT- oder Musikbereich – eine besondere Art der Förderung. Das könnte ein Alleinstellungsmerkmal des »SteinGy« werden, das zusätzliche Schüler bringt. G 9 können schließlich demnächst wieder alle.


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